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Kino - dafür werden Filme gemacht

Die purpurnen Flüsse

"Residenz" Bückeburg (23.04.2001)

Kritik von Johannes Pietsch

In Zeiten immer neuer und ewig gleicher Teenie-Slasher lassen sich Serienkiller-Filmen kaum revolutionär neue Momente abgewinnen. Mathieu Kassovitz, Regisseur des bemerkenswerten französischen Milieu-Krimis "Hass", kann das Genre zwar auch nicht neu definieren, es gelingt ihm aber sehr viel origineller als bisherigen deutschen Versuchen ("Anatomie", "Flashback") , dem bislang von Hollywood beherrschten Thema einen eigenen, europäischen - in diesem Fall typisch französischen - Anstrich zu geben.

Eine tiefe Verbeugung vollführt der junge französische Regisseur vor David Fincher und seinem Meisterwerk "Sieben", jener grandiosen Erneuerung des modernen Horrorfilms, in dem Brad Pitt und Morgan Freeman einen völlig derangierten, aber subtil agierenden Killer jagten. Schon die ersten Szenen, in denen die Kamera mit medizinischer Präzision die Leiche eines grausam gefolterten Mordopfers obduziert, legen die Tonlage fest. Vorerst, denn im weiteren Verlauf der Geschichte nimmt "Die purpurnen Flüsse" einen ganz eigenständigen, von vielen Einflüssen geprägten Mysterie-Charakter an.

Die Buddy-Konstellation des gealterten, desillusionierten Kommissars Niémans und seines jungen, aufbrausenden Sidekicks Kerkerian greift vordergründig auf das Duo Freeman-Pitt aus "Sieben" zurück, im Hintergrund steht vielmehr das Lehrer-Schüler-Motiv aus "Der Name der Rose". So, wie Sean Connery und Christian Slater einst zur Klärung einer Mordserie in die staubigen Katakomben einer mittelalterlichen Abteil hinabstiegen, wühlen sich Niémans und Kerkerian in die düsteren Geheimnisse einer elitär geprägten und von einer Kaste von Herrenmenschen geführten Privatuniversität (schon deren landschaftliche Lage legt eine Affinität zur Umberto-Eco-Verfilmung nahe).

Jean Reno ist der Prototyp des stoischen, lakonischen Einzelkämpfers, der seine Fälle in bester Eastwood-Manier am liebsten im Alleingang und ohne die Einhaltung lästiger Vorschriften löst. Vincent Cassel wirkt als sein impulsives Gegenstück Kerkerian, dem das Temperament schier aus den Adern platzt und der bei der Befragung einer örtlichen Skinheadgruppe schon einmal die Polizeimarke aus der Hand legt, um eine herzerfrischende Prügelei zu beginnen, ein wenig wie Renos jugendliches Alter Ego. Während der transatlantische Filmstar Reno eher das amerikanische Moment des Films verkörpert, besitzt Cassel als junger Beamter aus dem urbanen Vorstadtmilieu der Metropole Paris den typisch französischen Stallgeruch. Dass die beiden ihre Ermittlungen 300 Kilometer entfernt voneinander beginnen und erst nach einer Filmstunde aufeinandertreffen, gehört zu den interessanten thematischen Abweichungen Films gegenüber seinen amerikanischen Vorbildern.

Beim Zusammenfügen des mysteriösen Kriminalpuzzles bedient sich Kassovitz ebenso der Sprache des modernen amerikanischen Spannungskinos (einige Szenen wirken, als seien sie direkt aus "Düstere Legenden" importiert) wie Stilelementen des klassischen Gothic-Horror. Die hochklassige Kameraarbeit von Thierry Arbogast presst die hochalpine Gletscherszenerie in genauso gespenstische Bilder wie die Umgebung der sinistren Universität, die sich nach und nach als Menschenzuchtanstalt faschistoider Akademiker entpuppt. Und man könnte fast von einem kleinen Thriller-Meisterwerk sprechen, wäre da nicht das furchtbar an den Haaren herbeigezogene Finale, das nicht nur das Böse sondern auch gleich alle Logik unter Massen von Lawinenschnee begräbt.

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Diese Kritik ist die Meinung von Johannes Pietsch.

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