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Kino - dafür werden Filme gemacht

Joyride

"Residenz" Bückeburg (19.12.2001)

Kritik von Johannes Pietsch

Die einsamen, amerikanischen Highways als Symbol der Freiheit, der Individualität und als bewusster Gegenpol zu Spießigkeit und Kleinbürgertum - wie kaum ein anderer Film thematisierte Dennis Hoppers "Easy Rider" dieses Motiv. Hopper ließ 1969 im Urvater aller Roadmovies den unbändigen Freiheitsdrang seiner Protagonisten gegen Philistertum und Stromlinienförmigkeit auf tragische Weise an Vorurteilen und provinzieller Engstirnigkeit scheitern. Kein Geringerer als Steven Spielberg inszenierte nur zwei Jahre später die Vergeltung: Sein faszinierender, fürs amerikanische TV gedrehte Horrorstreifen "Duel" ließ die Landstraße gegen das Kleinbürgertum zurückschlagen: Dennis Weaver als spießiger Handelsvertreter, der daheim nichts zu melden hat, lieferte sich auf einsamer Strecke einen Kampf auf Leben und Tod mit einem mörderischen, gesichtslosen Trucker und seinem monströsen Gefährt. Spielberg schuf mit "Duel" zugleich den gedanklichen Gegenentwurf zu "Easy Rider" und definierte den Highway nicht mehr als Symbol der Freiheit und des amerikanischen Traums, sondern als Hort des Unheils und der Bedrohung. Dieses Motiv zieht sich seitdem wie ein roter Faden durch die Thriller- und Horrorfilmhistorie und beeinflusste letztendlich auch Filme wie David Lynchs "Lost Highway", Dominic Senas "Kalifornia" oder - auf der humorvoll-phantastischen Seite - die vom "Ritter aus Leidenschaft"-Regisseur Brian Helgeland geschriebene Horrorkomödie "Highway to Hell" oder das brachiale Underground-Splatter-Spektakel "Darkness".

John Dahl hat das Thema intelligent und spannend ins 21. Jahrhundert transferiert. Dass er der richtige Regisseur für subtile, unspektakuläre Thrillerware ist, bewies er bereits 1992 mit seiner 90er Noir-Film-Variante "Red Rock West", in der Nicolas Cage als Auftragskiller wider Willen zwischen die Fronten einer Kleinstadt gerät. Der 44 Jahre alte Dahl, der schon in seinem Erstling "Kill me again" mit den Versatzstücken des Genres spielte, bedient sich auch in "Joyride" erneut bei den Archetypen des Kinos, verwebt alte Muster neu, ohne dass ihn der Vorwurf bloßer Kopie treffen könnte.

Für Dahls jüngsten Film dürfte neben Spielbergs "Duel" auch "The Hitcher" von 1985 Pate gestanden haben. War Robert Harmons zynischer und blutrünstiger Schocker mit Rutger Hauer als gnadenlosem Highway-Schlächter jedoch ganz ein Kind seiner äußert rabiaten Zeit, so passt sich John Dahl der Entwicklung an und trägt dem heutzutage ja ach so schrecklich wichtigen Massengeschmack in sofern Rechnung, auf allzu hohe Leichenberge zu verzichten und ohne besonders viel Filmblut auszukommen. Auch bei der Charakterisierung seiner Hauptfiguren ist der Regisseur im 21. Jahrhundert angekommen: Seine Figuren sind die typischen Helden der Post-Scream-Ära: Ein gutaussehendes Brüderpaar, der eine, Lewis (Paul Walker, der viel zu attraktive Undercover-Ermittler aus "The Fast And The Furious"), ein braver College-Student, der andere, Fuller (Steve Zahn, dessen Minenspiel immer ein bisschen an den jungen Michael J. Fox erinnert), ein durchtriebenes Schlitzohr, das häufig mit dem Gesetz in Konflikt steht.

Im Gegensatz zu C. Thomas Howell in "Hitcher" geraten die beiden auch nicht unschuldig ins Schlamassel, sondern fordern das Übel durch einen Dummen-Jungen-Streich heraus: Als die beiden fern von zu Hause auf einem Road-Trip durch Colorado über ein altes CB-Funkgerät einen Trucker zu einem falschen Rendezvous locken, endet der Scherz in einer Katastrophe. Der Gefoppte, den der Zuschauer nie zu Gesicht bekommt, schlägt blutig zurück und macht die beiden Jugendlichen sowie die inzwischen hinzugekommene Lewis-Freundin Venna (Leelee Sobieski, die sich damit für weitere Rollen wärmstens empfiehlt) zu Gejagten. Wie in "Duel" bleibt der Killer auch hier unsichtbar und namenlos, dafür aber nicht unhörbar, da das uralte CB-Funkgerät stets für Verständigung zwischen Jäger und Gejagten sorgt.

Das Folgende ist ein Katz- und Mausspiel, welches inhaltlich ein wenig zu vorhersehbar ist, da es sowohl in der jüngeren als auch der weiter zurückliegenden Horror- und Thrillergeschichte immer wieder bemüht wurde, als entsetzter Teen oder Twen vor einem nicht sichtbaren, hochintelligent agierenden Psychopathen davonzulaufen. Nichtsdestotrotz ist Dahls Highway-Hetze aus Geiselnahmen, Fallen und Fluchten wesentlich subtiler, raffinierter und anspruchsvoller inszeniert als thematisch ähnlich gelagerte Teenie-Horror-Werke der letzten Jahre. Zur Verkörperung der Bedrohung durch den unsichtbaren Killer, der nicht in blinder Wut gegen die Urheber des Schabernacks zuschlägt, sondern seine Rache kalt genießt, stilisiert Dahl das Gefährt des Brummifahrers, das sich oft wie ein urwelthaft brüllendes Ungeheuer mit aufblendenden Scheinwerfern aus dem Unterholz hervorwälzt, um sich auf seine Opfer zu stürzen. Die bohrendste Spannung erzeugt Dahl - und das ist qualitativ an "Joyride" am bemerkenswertesten - jedoch allein durch entsprechend makabere Fingerzeige die alleinige Andeutung der Bedrohung. Ein wunderschön schauriger Einfall sind die Botschaften, die der mörderische Trucker seinen Opfern in großformatig gemalten Lettern auf Verkehrsschildern hinterlässt, die sich im diffusen Licht von Autoscheinwerfen aus dem Dunkel der nächtlichen Landstraße schälen. Und kaum einem Regisseur dürfte es zuvor gelungen sein, ein simples CB-Funkgerät so angsteinflößend wirken zu lassen.

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Diese Kritik ist die Meinung von Johannes Pietsch.

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