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Kino - dafür werden Filme gemacht

Der Fluch der Karibik

"Residenz" Bückeburg (26.08.2003)

Kritik von Johannes Pietsch

Die Niedertracht folgt im Allgemeinen dem Reichtum wie die Nacht dem Tage. In der Geschichte der Seefahrt gehört es zu den ungeschriebenen Gesetzen, dass sich stets dort, wo reich beladene Schiffe zu Wasser unterwegs waren, die Schurken binnen kürzester Zeit dazugesellten. Im Altertum bedrohten sie die Getreideversorgung Roms über das Mittelmeer und mussten von Cäsar-Gegenspieler Pompeius in einem aufwendigen Krieg niedergerungen werden. Die Bucaneers der Karibik entstammten überwiegend französischsprachigen Einwanderern auf der Insel Hispaniola, die später von der Insel Tortuga und mit tatkräftiger Hilfe von Engländern und Franzosen spanische Handelsschiffe systematisch überfielen und ausplünderten. Diese Bucaneers sind der Ursprung der meisten malerischen Piratengeschichten der Dichtung, aber auch vieler tatsächlicher, berühmter Piraten wie Henry Morgan, Kapitän Kidd Blackbeard, Anny Bonny und Mary Reade, Bartholomew Roberts oder Pierre Legrand. Und auf sie gründet sich der romantisch verklärte Piratenmythos, der vor allem in Filmproduktionen der 30er, 40er und 50er Jahre seinen Ausdruck fand.

Es gehört schon ein gewaltiges Maß an Chuzpe dazu, sich im Jahre drei nach der Jahrtausendwende mit einer millionenschweren Großproduktion dieses verstaubten Genres anzunehmen. Rund drei Generationen ist es her, seit ein Errol Flynn in Michael Curtiz' "The Sea Hawk" den romantisch verklärten Piratenkapitän Geoffrey Thorpe verkörperte, und ein glattes halbes Jahrhundert, seit Robert Siodmaks roter Korsar Burt Lancaster sich in "The Crimson Pirate" durch die Takelage schwang. Spätestens seit Ende der 50er Jahre lagen Hollywoods Piratenschiffe in den untersten Drehbuch- und Produktionsschubladen vor Anker, und die beiden Versuche der jüngeren Filmgeschichte, das Genre wieder hochseetauglich zu machen - einmal 1986 mit Roman Polanskis "Pirates" und neun Jahre später mit Renny Harlins Kapital-Flop "Cutthroat Island" - strandeten sang- und klanglos sowohl an der Kritik als auch an den Kinokassen.

Doch der Name Jerry Bruckheimer scheint auszureichen, um auch der abgewracktesten Seeräuber-Jolle wieder Wasser unterm Kiel zu verpassen und selbst vom tiefsten Meeresgrund noch filmproduktionermöglichende Golddublonen versunkener Kaperschiffe zu Tage zu holen. Mit einem Budget von über 140 Millionen Dollar und einem wirklichen Dreamteam bei Darstellern und Filmschaffendern machte sich der Blockbuster-Produzent an eine Revitalisierung des seit Jahrzehnten still in den Tiefen des Ozeans vor Hollywood dahinschlummernden Genres.

Wirklich Jerry Bruckheimer? Vielen Film-Puristen dürfte allein die Erwähnung dieses Namens die letzte Seezunge im Magen herumdrehen, zeichnete der Produktionsgigant und ehemalige Don-Simpson-Partner doch zuletzt verantwortlich für filmische Tiefschläge wie den geistigen Steinschlag "Armageddon" und das tönern-hohle Patriotengeballer "Pearl Harbor". Jetzt also Jerry Bruckheimer unter wehender Piratenflagge, mit einem verschlafen-triefäuigigen Ben Affleck, der Liv Tyler, Kate Beckinsale oder welcher just dahergelaufenen Jungmimin auch immer mit traniger Stimme seinen unsterblichen Hormonstau gesteht, um sich anschließend mit Josh Heartnett auf dem Achterdeck zu prügeln, während am Horizont eine Armada grinsender, Säbel-, Degen-, Musketen- und Holzbeinschwingender Freibeuter auftaucht? Mitnichten. Denn entgegen allen Unheilsprophetien und Cassandrarufen gelang Bruckheimer mit "Pirates of the Caribbean" ein Seeräuber-Revival, wie es fulminanter, lebendiger und überzeugender kaum hätte ausfallen können.

Zu verdanken ist dieser ebenso unerwartete wie unzweifelhafte Erfolg, der sich in Amerika bereits mit einem rund 240 Millionen Dollar starken Box-Office-Erfolg niederschlug, nicht nur der ungewöhnlichen Zurückhaltung Bruckheimers bei allen künstlerischen Belangen des Films, sondern insbesondere und vor allen anderen dem Regisseur und dem Hauptdarsteller. Gore Verbinski, ehemaliger Gitarrist der Punk-Bands Little Kings und The Daredevils, der seinen bürgerlichen Vornamen Gregor in Gore = geronnenes Blut umbenannte, lieferte nach zwei nicht sonderlich berauschenden Projekten - zum einen dem albernen Kinderfilm "Mäusejagd", zum anderen dem faden Julia-Roberts-Brad-Pitt-Vehikel "The Mexican" -Anfang diesen Jahres mit dem atmosphärisch unerhört dichten "Ringu"-Remake "The Ring" sein filmisches Meisterstück ab. Nach dem grandiosen Schauerstück über ein todbringendes Video beweist er sich nun mit "Pirates of the Caribbean" als genauso versierter Arrangeur von knallbuntem, effektesprühendem und ebenso aufwendig wie liebevoll ausgestatteten Popkorn-Entertainment.

Der zweite Volltreffer des Films ist eindeutig Johnny Depp: Der Tim-Burton-Lieblingsmime bietet als exaltiert-theatralischer Piratenkapitän Sparrow mit kajalgetönten Liedschatten, Goldzähnen und perlenverzierten Rastalocken eine Augen- und Ohrenweide, die den halben Film allein trägt: Eine schillernd-skurrile, ultra-schrille Antiheldenfigur zwischen John Silver, Zigeunerbaron und allürenhafter Drag-Queen mit mehr Pop-Appeal als Robbie Williams und Christina Aguilera zusammen. Johnny Depp, Spezialist für verschrobene Charaktere, legt seinen Jack Sparrow als hinreißenden Parade-Hysteriker an, als traumwandlerisch durch die turbulente Handlung mäanderndes Chamäleonwesen. Ein Taugenichts voller eulenspiegelhafter Unlogik und willkürlicher Akausalität ist dieser "schlechteste beste Piratenkapitän der Welt", ein tollpatschigen Traumtänzer, zwischen planlos erscheinender Hyperaktivität und tot stellreflexartiger Erstarrung oszillierend, der seinen unstillbaren Geltungsdrang wie eine Primadonna auf der Opernbühne auslebt, zeitweise aber auch undurchschaubar, durchtrieben und bauernschlau daherkommt.

Kongenial ergänzen ihn Legolas-Darsteller Orlando Bloom, der als degengewandter jugendlicher Draufgänger in die Fußstapfen von Douglas Fairbanks tritt, Keira Knightley als bildhübsche und natürlich zu rettende Gouverneurstochter sowie der wunderbare Geoffrey Rush als Schurkenkapitän Barbossa. Angenehmerweise versuchen Regisseur Verbinski und seine Drehbuchautoren nicht einmal annähernd, ihrem Film auch nur einen Hauch von Ernsthaftigkeit zu verleihen oder eine halbwegs ernst gemeinte Geschichte zu erzählen, sondern offerieren ihre Freibeuter-Mär von der ersten, übrigens ungewöhnlich düsteren Szene (die eigentlich einen Schwenk in ein ganz anderes Genre erwarten lassen müsste) als herrlich abgefahrenen, zusammenrecycelten Zitatenschatz des Populärkinos. "Pirates of the Carribean" ahmt seine großen Vorbilder aus den 40er und 50er Jahren nicht nach, sondern feiert die Ikonen des klassischen Freibeuter- und Abenteuer-Movies ebenso in sie vernarrt wie respektlos als Trophäen: Spätestens von der herrlich albernen Szene an, in der Johnny Depp mit scheinbar ungerührter Mine auf dem Segel einer versinkenden Jolle stehend in den Hafen von Port Royal einfährt, ist Party-Kino pur angesagt.

Den nichtsdestotrotz recht einfallsreichen und äußerst kurzweiligen Plot legten die beiden "Shrek"-Autoren Ted Elliot und Terry Rossio als ebenso actionreiche wie klamaukige Achterbahnbahnfahrt zur See an, wobei eben nicht wie in früheren Machwerken aus den Laboratorien des Doktor Bruckenstein jedes bekannte Klischee mit unendlich hohlem Pathos, heroischem Kitsch und übermenschlichem Herzschmerz wie eine Monstranz zu Markte getragen wird, sondern mit überschäumender Freude an parodistischer Übertreibung lustvoll auseinandergenommen und liebevollst seziert wird. Mit diebischer Freude wird da so manchem Schauer-Klischee der Boden unter den knöchernen Skelettfüßen hinweggezogen: Nie habe es nach einem Angriff des berüchtigten Piratenschiffes "Black Pearl" Überlebende gegeben, wird da von den üblichen verdächtigen Gästen einer Hafenspelunke gemunkelt. "Aber wenn nie einer überlebt hat, woher kommen dann die Berichte?" hält Johnny Depp dagegen - so einfach kann Dialektik sein.

Eine tiefe Verbeugung vollführt die Story vor allem vor zwei literarischen Vorlagen: Zum einen Robert Louis Stevensons "Schatzinsel", dem Archetypus aller Schatz- und Piratengeschichten, und - natürlich - Wilhelm Hauffs wundervoller "Geschichte von dem Gespensterschiff", auf dem eine Horde Verfluchter Nacht für Nacht ihren Mord an einem Derwisch neu erleben muss. Ein solches kreuzt auch in "Pirates of the Caribbean" die Route der Zuschauer und der Gouverneurstochter Elizabeth (Knightley), wobei ihr ein geheimnisvolles, goldenes Medaillon in die Hände fällt. Als das quer durch die Karibik randalierende freibeuterische Rabaukentum Jahre später davon Wind bekommt, überfällt es die Insel, auf der Elizabeth' Vater (Jonathan Pryce spielt als leicht unterbelichteter, aber letztlich gutherziger und liebevoller Papa energisch gegen sein eiskaltes Schurkenimage aus "Tomorrow never dies" an) Gouverneur ist, und lässt dabei nicht nur das Schmuckstück, sondern gleich deren holde Trägerin mitgehen. Das kann allerdings ihren Verehrer, den schmucken Jungschmied Will (Orlando Bloom als glutvoller Anti-Legolas), nicht ruhen lassen. Glück für ihn, dass gerade der vogelfreie Chaoten-Pirat Sparrow (Depp) sowieso vor hat, ein Schiff zu kapern, um sich auf die nasse Fährte der Entführer zu setzen, mit denen er noch eine eigene Rechnung offen hat. Die sind allerdings auf Grund eines aztekischen Fluches zum einen ziemlich mies gelaunt, zu anderen aber auch unsterblich und damit dummerweise gegen alle konventionelle Waffentechnik des 18. Jahrhunderts immun. Was folgt, ist zweieinhalbstündiger, furiosester, rasanter Säbel und Segel-Kintopp mit so hohem Popcorn-Faktor, dass die Reling knattert, sich der Achtersteven biegt und das Bramsegel wackelt. Das optische Highlight bietet dabei zweifellos die nur im Mondlicht als solche erkennbare skelettierte Meute von Piraten-Zombies, bei denen Verbinski & Co. ganz unverblümt bei Sam Raimis "Army of Darkness" freibeutern und im finalen Gefecht gegen die knöchernen Unholde sogar dem guten alten Ray Harryhausen und seinen Stop-Motion-animierten Skeletten huldigt.

Einen kleinen Schwachpunkt muss man "Pirates of the Carribean" attestieren: Bei manchen Schauplätzen und Handlungsabfolgen - insbesondere beim Showdown in der Schatzhöhle - stellt sich beim Zuschauer ein gewisses Déjà-vú-Gefühl ein, was implizit bedeutet, dass hier einiges an Handlung hätte gerafft werden können. Doch das schmälert den Spaß am gesamten Freibeuter-Spectaculum letztlich nicht. Also Leinen los, Mast- und Schotbruch und klar zum Entern, ihr Hunde! Was das für Jerry Bruckheimer bedeutet, könnte niemand treffender auf den Punkt bringen als John Silvers berühmter Papagei Kapitän Flint: "Piaster! Piaster!"

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Diese Kritik ist die Meinung von Johannes Pietsch.

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