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Kino - dafür werden Filme gemacht

Pearl Harbor

"Cinemaxx" Hamburg (30.05.2001)

Kritik von Johannes Pietsch

Die grassierende Ideenarmut unter Amerikas bestbezahlten Drehbuchautoren hat dafür gesorgt, dass Hollywoods Big-Budget-Produktionen seit etwa vier Jahren verstärkt auf historische Themenkomplexe zurückgreifen. Den Reigen eröffnete James Cameron mit seinem megalomanen Schiffsdesaster "Titanic", es folgten Ridley Scott mit "Gladiator" und Roland Emmerich mit "The Patriot". Da war es nur noch eine Frage der Zeit, bis sich Macho-Filmdesigner Jerry Bruckheimer in die Riege der Zelluloid-Historiker einreihen würde. Nach Gangstern, Staatsfeinden, Meteoriten und Blechpiraten präsentiert uns der Krawall-Titan mit Lieblingsregisseur Michael Bay seine Sichtweise des Angriffs der Japaner am 6. Dezember 1941 auf die amerikanische Pazifik-Flotte im Hafen von Pearl Harbor. Wie kaum anders zu erwarten, wird bei Bruckheimer aus dem größten und schmerzendsten Trauma der amerikanischen Militärgeschichte ein bildgewaltiger, knallbunter und jede Tiefsinnigkeit strikt vermeidender Adrenalin-Anheizer.

Dass das Grundkonstrukt des Films, nämlich eine tragische Liebesgeschichte vor die Kulisse eines historischen Desasters zu platzieren, prinzipiell von "Titanic" bereits ausgereizt wurde, ist ein Vorwurf, von dem sich "Pearl Harbor" nicht befreien kann. Doch Radaufilmer Bruckheimer war nie der Fachmann für Innovationen, sondern immer dafür gut, Altbewährtes möglichst aufwendig zu recyceln. Aufwendig, das heißt bei Bruckheimer, beim Angriff der Japaner auf Hawaii einen trick- und pyrotechnischen Overkill zu entfesseln, der seinesgleichen sucht.

Doch bis dahin ist es ein weiter Weg. Vor der Außenhaut von Kampfflugzeugen, Fregatten und Flugzeugträgern reißen erst einmal Herzen auf, und statt Blut fließen Tränen vor edel fotografierten Sonnenuntergängen. Junge Nummer eins (Ben Affleck mit zumeist versteinerter Mine) liebt Mädchen (Kate Beckinsale als amerikanische Florence Nightingale) und kommt vermeintlich als Kriegsfreiwilliger bei der Luftschlacht von England ums Leben. Mädchen heult und tröstet sich mit Junge Nummer zwei (Newcomer des Jahres Josh Hartnett), bis Junge Nummer eins plötzlich wieder vor der Tür steht, dumm guckt und ganz schön sauer ist. Jetzt wäre es Zeit für ein unverkrampftes Gespräch unter Männern (du-ey, find ich echt gut, dass wir mal drüber geredet haben, ne ...), doch dummerweise kommen ausgerechnet in diesem Moment die Bewohner von Nippon-Land auf die Idee, die Hawaiianer nebst der Pazifik-Flotte der Vereinigten Staaten mit Torpedos und Tieffliegerbomben von den Vorzügen von Pokémon und Toshiba-Produkten überzeugen zu wollen.

Das folgende Angriffszenario ist schlicht überwältigend in Szene gesetzt. Bruckheimer und Bay bebildern den japanischen Überfall auf die amerikanische Pazifik-Flotte als Destruktions-Inferno titanischen Ausmaßes. Das pyrotechnische Effektgewitter gipfelt im Flug einer Bombe, die der Zuschauer vom Abwurf aus dem japanischen Kampfbomber bis zum Einschlag in die Munitionskammer des US-Schlachtschiffes "Arizona" verfolgt. Die Faszination, die dieses tricktechnisch perfekt animierte Schiffe-Versenken auslöst, ist erschreckend! Charakterdarsteller wie Cuba Gooding Jr. oder Tom Sizemore degradiert Michael Bay dabei erwartungsgemäß zu Bedienungspersonal der zahllosen Waffen.

"Pearl Harbor" ist weder ein Kriegsfilm noch ein Liebesdrama, sondern schlicht und einfach ein Bruckheimer. Das bedeutet, es wird von der ersten Sekunde in jeder Szene, in jedem Dialog und in jeder Kameraeinstellung so dick aufgetragen, als wolle es den Kinozuschauer niederwalzen. Jede noch so kleine Einzelheit ist überladen, jede Emotion tiefer, jede Geste pathetischer, jedes Desaster größer, jedes Heldentum noch heroischer, aufrechter und ehrenhafter als in vergleichbaren Film zuvor. Bruckheimer will in jeder Szene die ganz große Geste, das ganz große Gefühl, die überwältigende Leidenschaft schlechthin oder die völlig verheerende Katastrophe. Erschlagen, nicht überzeugen, ist das Grundprinzip aller Filme aus den Laboratorien des Dr. Bruckenstein.

Objektiv mag man "Pearl Harbor" hundertmal vorwerfen können, den Kriegsausbruch zwischen Japan und den USA völlig undifferenziert in simpelster Schwarz-Weiß-Malerei zu inszenieren, man kann ihm (zu Recht!) platteste Landser-Romantik, Heldenglorifizierung und peinlichen Hurra-Patriotismus vorhalten. Fast könnte man glauben, "Pearl Harbor" sei (wie einst "Top Gun") direkt von der (sicherlich begeisterten) ultrakonservativen Bush-Administration inspiriert oder gar beauftragt worden. Aber wozu? Es muss Kino einfach auch mal erlaubt sein, weder ausgesprochen kunstvoll noch besonders tiefsinnig zu sein, sondern einfach nur unterhalten zu wollen. Und darin ist "Pearl Harbor" schlicht ein Gigant, auch wenn der Film nur laute, knallige Kirmes-Unterhaltung bietet. Nebenbei um Lichtjahre bessere Kirmes-Unterhaltung als der himmelschreiend dämliche "Armageddon". Oder, um es ganz knapp und präzise mit den Worten von Loriot zu formulieren: Was haben Jerry Bruckheimer und ein Atomkraftwerk gemeinsam? Es macht Puff und die Kühe fallen um.

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Diese Kritik ist die Meinung von Johannes Pietsch.

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