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Kino - dafür werden Filme gemacht

Deep In The Woods - Allein mit der Angst

Gesehen am 11.07.2001 Im Residenz Kinocenter Bückeburg (Sneak Preview)

Kritik von Johannes Pietsch

Das reihenweise Abschlachten ebenso adretter wie unmoralischer Teenager gehört seit "Scream" zu den beliebtesten Topoi des modernen Horror-Kinos. Was zu seligen "Halloween"- und "Freitag der 13."-Zeiten (mit all ihren Epigonen wie "Brennende Rache" etc.) ein mehr oder weniger abgeschottetes und oftmals der Schmuddelecke zugerechnetes Insiderdasein für Hardcore-Fans führte, findet seit Wes Cravens bahnbrechender Horror-Reanimierung von 1996 mit namhaften (allerdings meist ebenso untalentierten) Jungdarstellern und renommierten Regisseuren auf der großen Mainstream-Kinoleinwand statt. Doch das Abebben der großen Teenie-Slasher-Welle in Amerika ist unübersehbar, jüngste Hochglanz-Produkte wie "Sex oder stirb" oder "Schrei wenn du kannst" zeigen mehr als deutlich Abnutzungserscheinungen. Das deutsche Kino brauchte lange, um auf den fahrenden Zug aufzuspringen (einmal recht ordentlich mit "Anatomie", dann furchtbar trashig in "Flashback"). Noch länger dauerte es bei den Franzosen: Sie entdeckten erst in diesem Jahr mit "Die purpurnen Flüsse" den Psychothriller Marke "Sieben" neu. Jetzt legt der französische Regisseur Lionel Delplanque mit "Deep in the woods" ein neues Scheit auf das langsam verlöschende Feuer des Teenie-Slashers, ohne dem Genre jedoch grundlegend neue Impulse geben zu können.

Märchen und Horror, diese Verbindung suchte das Kino trotz des in dieser Verbindung unzweifelhaft vorhandenen riesigen Potentials nur selten. Grandios und bislang unübertroffen gelang es Neil Jordan 1984 mit "Die Zeit der Wölfe", jenem episodenhaft angelegten Fantasy-Epos, welches so unnachahmlich das altbekannte Grimmsche Märchen vom Rotkäppchen mit dem Werwolf-Motiv verband und dabei tiefsitzendste Freud'sche Urängste freisetzte. Weniger mit Märchen denn mit modernen urbanen Legenden, die jedoch auch stets etwas märchenhaftes in sich tragen, hantierte "Düstere Legenden", ein Vertreter der neuen Horror-Welle.

"Deep in the woods" nimmt nun ausgerechnet wie Neil Jordan vor 17 Jahren das Rotkäppchen-Motiv ins Visier. In der visuell furiosen Auftaktsequenz, bei der die Kamera einen Schlüssellochblick zur Totalen erweitert, gelingt dies auch prägnant, und unwillkürlich fühlt sich der Zuschauer in genau jene atemabschnürende Atmosphäre versetzt, die Neil Jordans Film damals ausmachte. Doch es verbleibt bei dieser Exposition, die natürlich dazu dient, die fehlgeschlagene Sozialisierung des späteren Täters zu erklären, und in den folgenden 90 Minuten wird inhaltlich nicht mehr als das aus der Legion von Vorgängern sattsam bekannte Repertoire des Slasher-Movies abgespult. Eine Horde kecker französischer Schauspieler, schick anzusehen, mittellos und äußerst hormongesteuert, wird auf einem einsam im Wald gelegenen düsteren Märchenschloss einer nach den anderen dahingemeuchelt. So vorhersehbar, so eintönig. Dabei plündert Delplanque hemmungslos im Fundus klassischen und zeitgenössischen Horrorfilmwerks. Auf dem Weg zur Stätte ihres Verderbens fährt die Kamera wie in "The Shining" die Straße entlang, auf dem Schloss selbst geht es ähnlich aristokratisch dekadent zu wie in "Gothic", und Schlossherr Francois Berleand wirkt ein wenig wie Christopher Lee mit Vollbart. Später verlaufen sich die angehenden Opfer auf der Suche nach Befriedigung ihrer körperlichen Triebe wie in "Tanz der Teufel" im Wald, wobei ihnen wie in "Blair Witch Project" eine wackelige Handkamera folgt, um anschließend nach bestens bekanntem Zehn-kleine-Negerlein-Prinzip dezimiert zu werden. Am gelungensten fallen die Reminiszenzen an den klassischen italienischen Schocker aus: Bei der Mordszene am Anfang standen eindeutig Dario Argento Giallos, insbesondere "Tenebrae", Pate. Der Sturz eines weiblichen Opfers durch ein surreal ausgeleuchtetes Treppenhaus erinnert an "Suspiria". Das seit "Halloween" eherne Grundprinzip allen Teenie-Horrors - Tod als Strafe für sexuelle Ausschweifungen - wird geradezu ärgerlich plakativ gemacht: Die jungen Schauspieler müssen sterben, nachdem sie eine Rotkäppchen-Aufführung dargeboten haben, die in Kostüm und Sprache wie ein "Schulmädchenreport" wirkte. Von den jungen Darstellern gewinnt allein Vincent Lecoeur als homoerotisch angehauchter Jungmacho etwas Profil, wenn er in einer abgründig skurrilen Szene dem Schlossherren aus Goethes "Erlkönig" rezitiert.

Zu Beginn jongliert Delplanque noch einigermaßen virtuos mit den Versatzstücken des Genres, um dann jedoch immer mehr den Faden zu verlieren und in der zweiten Hälfte des Films nur noch zusammengestückelte, reichlich zusammenhanglos wirkenden Szenerien zu präsentieren. Zum Schluss verheddert sich der Film völlig in den eigenen Genrezitaten, um bei der Suche nach den üblichen Verdächtigen vollends alle Plausibilität preiszugeben.

Besonders schwer verdaulich für den amerikanisch vorkonditionierten Zuschauer wirkt der fast völlige Verzicht auf Dialoge. Lionel Delplanque erzählt seine Geschichte in Bildern, nicht in Worten. Damit fehlt jedoch auch praktisch jede Möglichkeit der Identifikation des Zuschauers mit den Protagonisten. Ihre Charakterisierung bleibt ebenso auf der Strecke wie die Möglichkeit, an ihrer Todesangst teilzuhaben. Diese Art zu filmen mag künstlerisch sehr ambitioniert sein. Dem Grundprinzip eines Horrorfilms, nämlich der Erzeugung von Spannung durch die Angst um das Wohlergehen der handelnden Personen, läuft es jedoch völlig zuwider.

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Diese Kritik ist die Meinung von Johannes Pietsch.

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